Eingliederungshilfe - von der Politik (fast) vergessen

08.04.2021

Die Corona-Pandemie hat alle Bereiche des täglichen Lebens betroffen. Während Politik und Gesellschaft vor allem Kitas, Schulen und Seniorenheime im Blick haben, ist der Bereich der Eingliederungshilfe fast vergessen worden - zumindest im ersten Corona-Lockdown. Dabei sind die Herausforderungen für die Beschäftigten hier mindestens genauso groß.

Die Werkstätten und Wohnhäuser der AWO für Menschen mit Behinderungen hatten mit zahlreichen Herausforderungen zu kämpfen. Der Paukenschlag kam gleich zu Beginn der Corona-Pandemie. So wurden im März letzten Jahres mit einem Strich die Werkstätten geschlossen. „Sie wurden als Betreuungseinrichtungen gesehen, nicht als Werkstätten. Daher galt ein Betretungsverbot“, erinnert Dr. Klaus Hermansen, Bereichsleiter der Eingliederungshilfe.

Die Folgen waren drastisch - nicht nur für die betroffenen Beschäftigten. Anders als alle anderen Arbeitnehmer*innen in der Industrie bekamen sie über Nacht ein Berufsverbot. Dass dort aber auch systemrelevante Arbeit geleistet wird - so kümmert sich die Großwäscherei um die Belieferung von Krankenhäusern und Pflegeheimen - hatte die Politik übersehen. Auch auf dem Schultenhof fehlte das Personal - aber die Tiere mussten weiter versorgt und die Felder bestellt werden.

  

Einige Arbeiten konnten von den Werkstätten in die Wohnheime     Quasi über Nacht durften die Beschäftigten mit Behinderungen
verlegt werden, so dass zumindest Heimarbeit möglich war.            nicht mehr an ihre Arbeitsplätze.

Homeoffice und Heimarbeit

Das Absurde: Während beispielsweise die Beschäftigten im Bereich Garten- und Landschaftsbau wie die Spielplatz-Reinigungstrupps zwangsweise zu Hause bleiben mussten - ihr Arbeitsplatz ist formal die Werkstatt - konnten die Beschäftigten auf Außenarbeitsplätzen in externen Unternehmen weiterhin zur Arbeit gehen. Dort wurde eher die punktuelle Unterbrechung der Lieferketten zum Problem.

Im zweiten Lockdown lief das etwas besser. „Wir haben ein sehr differenziertes Angebot, wobei wir unsere Beschäftigten sowohl in als auch außerhalb der Werkstatt betreuen und fördern können“, berichtet Hermansen. Dabei ermöglichen die Werkstätten - wann immer möglich - auch Homeoffice und Heimarbeit. So kommen die Beschäftigten des Ateliers nur noch ein Mal pro Woche in die Werkstatt - ansonsten arbeiten die Künstler*innen von zu Hause aus.

Auch in anderen Bereichen wurde und wird geschaut, wo sinnvolle Arbeit in der Wohneinrichtung angeboten werden kann. „Dann kommen auch unsere Fachkräfte dorthin, um den Lern- und Förderprozess zu verzahnen. Das gelingt nicht überall. Aber manche Verpackungsarbeiten sind in Heimarbeit zu realisieren“, berichtet Hermansen. Auch Beschäftigte aus der Wäscherei können teilweise in den Wohnhäusern arbeiten. Die gewaschene Wäsche wird dort angeliefert und die Faltarbeiten werden dann dort erledigt. „Wir unterstützen die Betreuung in den Wohneinheiten“, zeigt der Leiter der Eingliederungshilfe positive Beispiele auf.

Doch rund 55 Prozent der Menschen sind täglich in den Werkstätten. Insbesondere der Anteil der Menschen mit psychischen Problemen kommt - trotz der Sorge vor Ansteckung - lieber zur Arbeit. Denn die Isolation ist für sie das größere Problem: Sie sind besonders verletzlich und Einsamkeit macht krank - das wissen vor allem auch Menschen mit psychischen Einschränkungen nur zu gut.

  

Große Belastungen in Heimen

Stark belastet waren und sind auch die Beschäftigten in den Wohnheimen, die vor allem im ersten Lockdown, aber dann das ganze Jahr über extrem gefordert waren. „Wir wurden in vielen Verordnungen nicht bedacht. Das hat uns wehgetan, weil auf die Wohneinrichtungen ungeheuer viele Aufgaben neu zugekommen sind. Wir sind ja keine Pflegeeinrichtung, mussten aber wie eine Pflegeeinrichtung agieren", so Hermansen.

Anders als in der Pflege gab es für die Beschäftigten dort keine Corona-Prämie. „Das hat bei allen für eine große Verärgerung gesorgt. Dabei war die Arbeitssituation mindestens so schwierig wie in anderen Bereichen“, sagt Klaus Hermansen mit Blick auf Krankenhäuser und Pflegeheime.

Dabei denkt er vor allem an die Todesfälle in Derne: Dort hatten sich Bewohner*innen und Beschäftigte infiziert. Eine Bewohnerin starb in Folge der Corona-Infektion. Gleiches galt für den Partner einer AWO-Beschäftigten - sie hatte sich bei der Arbeit angesteckt.

Ein weitere Folge der Corona-Pandemie: „Die Phantasie und das strategische Arbeiten ist verloren gegangen. Ich komme mir nur noch vor wie ein Feuerwehrmann“, gesteht Klaus Hermansen. Die Folgen sind noch gar nicht absehbar: „Wenn wir Corona geschafft haben, werden wir vieles neu aufbauen müssen. In der Umsetzung des Bundesteilhabegesetzes haben wir ein Jahr verloren.“

Strukturen sind gefährdet

„Was in den zivilgesellschaftlichen und Selbsthilfestrukturen kaputtgegangen ist, weil die Gruppen nicht tagen konnten, ist noch nicht absehbar. Auch nicht, wer sich von den Ehrenamtlichen zurückgezogen hat“, fürchtet Hermansen die Corona-Spätfolgen. Doch darüber kann Hermansen sich im Corona-Alltag noch kaum einen Kopf machen. Immer wieder kommen neue „Feuerwehraufgaben“ auf ihn und sein Team zu, weil die Landesregierung ihnen immer neue Aufgaben überstülpt. Ein Beispiel aus dem Februar: Nicht nur sprichwörtlich „über Nacht“ wurden verpflichtende wöchentliche Tests für alle Beschäftigten in den Werkstätten vorgeschrieben.

Vorlauf zur Umsetzung gab es abermals nicht. Denn das Personal, das die wöchentlich rund 1000 Corona-Schnelltests macht - in den Werkstätten gibt es 950 Beschäftigte mit und 300 ohne Behinderung - muss erst ausgebildet und auch das Material für die Tests beschafft werden. Eine positive Erkenntnis aus einem Jahr Pandemie: „Corona hat gezeigt, dass das deutsche Sozial- und Gesundheitssystem funktioniert und ein Wert ist, mit dem man achtsam umgehen muss“, zieht Klaus Hermansen eine Zwischenbilanz.

Außerdem machte die Pandemie die Bedeutung von Werkstätten und Wohnheimen deutlich, die in den vergangenen Jahren oft als „unmodern“ kritisiert wurden.

„So hatten die Wohnhäuser eine echte Pufferfunktion. Eine rein ambulante Betreuung in Corona-Zeiten wäre kaum möglich gewesen. Die institutionelle Absicherung mit Werkstätten und Wohnstätten hat sich als wichtig und wertvoll erwiesen.“

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