AWO NRW stellt Langzeitstudie zur Kinderarmut vor

11.02.2020

Das Foto zeigt von links: Moderator Tom Hegermann, Anja Weber (DGB-Vorstand NRW), AWO-Vorsitzender Michael Scheffler, Dörte Schall (Beigeordnete Stadt Herne) und Christian Woltering (Landesgeschäftsführer Paritätischer NRW).

Fachtag in Bochum: Fachleute diskutieren, wie der Ausstieg aus der Armut gelingen kann

300 Fachleute diskutierten heute auf Einladung der AWO NRW die Ergebnisse der Langzeitstudie „Wenn Kinderarmut erwachsen wird – wie gelingt der Ausstieg aus der Armut?“. 1997 wurde die Studie beim Frankfurter Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik (ISS) in Auftrag gegeben. Das Forschungsprojekt hat 20 Jahre lang Kinder begleitet, die AWO-Kitas in strukturschwachen Vierteln oder Städten besuchten. Darunter auch 21 AWO-Kitas aus NRW. Demnach stammen die Teilnehmer*innen, deren Lebensläufe in die Studie eingeflossen sind, unter anderem aus Bergkamen, Dortmund, Bochum, Essen, Münster, Düsseldorf, Dinslaken, Hamm und Herford.

„Die Ergebnisse zeigen, dass Armut kein Automatismus ist“, resümierte Dr. Irina Volf vom ISS. Zwei Drittel der Befragten haben den Ausstieg aus der Armut vollzogen. Ein Drittel der armen Kinder bleibt auch im jungen Erwachsenenalter arm. Der Übergang ins junge Erwachsenenalter ist dabei ein Scheideweg im Leben dieser Menschen. Er stellt eine Chance dar, der Armut der Familie zu entwachsen. Er kann aber auch in die weitere Armut führen.

Hierfür hat die Studie mehrere Risikogruppen identifiziert. Armut ist oft weiblich: Doppelt so häufig sind es junge Frauen, die trotz gleicher Bildung wie ihre männlichen Altersgenossen in der Armut verbleiben. Die Erkenntnisse der Langzeitstudie bestätigen das, was die AWO NRW schon lange fordert: nämlich die Aufwertung bestimmter als gesellschaftlich wichtig erachteter Berufe: Vor allem in den Bereichen Gesundheit und Pflege, in denen mehrheitlich Frauen beschäftigt sind, bedarf es besserer Bedingungen.

Insbesondere junge Frauen mit Armutserfahrung, die hierzu in der letzten Phase der Studie befragt wurden, fordern die bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf - sowohl mit Blick auf die Anforderungen seitens der Arbeitgeber als auch die Verfügbarkeit von Kinder-Betreuungsplätzen. Vor allem alleinerziehende Frauen, die schon im jungen Erwachsenenalter eine Familie gegründet haben, gelten als armutsgefährdet. Ein Blick in die Statistik bestätigt dies: Die Armutsgefährdungsquote von Alleinerziehenden in NRW lag 2018 bei 45,2 Prozent.

„Die Nachteile, die den Ein-Eltern-Familien das Leben schwer machen, wollen wir nicht mehr hinnehmen. Ein Fünftel aller Familien in NRW hat einen alleinerziehenden Elternteil. 40 Prozent dieser Familien leben von Hartz 4“, sagt Michael Scheffler, Vorsitzender der AWO NRW.

Kinderarmut bedeute Einkommensarmut der Eltern – da waren sich die Expert*innen einig. Eine zentrale Maßnahme gegen Kinderarmut sei - neben der Einführung einer einkommensabhängigen Kindergrundsicherung - die Einkommenssituation der Eltern zu verbessern. Denn Arbeit alleine helfe nicht gegen Armut. Wichtig sei eine „gute und existenzsichernde Arbeit der Eltern“, so Alexander Nöhring, Geschäftsführer des Zukunftsforum Familie.

Gerhard Bäcker, Professor an der Uni Duisburg-Essen, sprach sich in seinem Vortrag sogar dafür aus, den Mindestlohn auf 12 Euro anzuheben. Wiedereinstiegsförderungen, Ausbau der Kinderbetreuung für unter Dreijährige sowie eine Anhebung der SGBII-Sätze waren weitere konkrete Maßnahmen, die Bäcker nannte. Mit Blick auf Kinderarmut bezeichnete er NRW als „besonders stark gebeuteltes Bundesland“. Die

Statistik zeige, dass die Zahl der Kinder, die Grundsicherung (Hartz IV) empfangen, kontinuierlich steige. In Gelsenkirchen liege sie etwa bei 40,7 Prozent der unter 15-Jährigen.

Kommunen finanziell zu entlasten und ihnen dadurch mehr Möglichkeiten zu geben, soziale Angebote zu schaffen, dafür sprach sich Christian Woltering, Geschäftsführer des Paritätischen NRW, in einer abschließenden Podiumsdiskussion aus. Systematisch habe man in den letzten Jahrzehnten erlebt, dass soziale Infrastruktur abgebaut wurde – vor allem außerhalb der Ballungszentren. Dies sei aber wichtig, um soziale Teilhabe zu ermöglichen.

Für eine Landesarmutskonferenz, für ein Zusammenrücken der Verbände und der kommunalen Spitzenverbände, um gemeinsam Maßnahmen gegen Armut voranzutreiben, sprach sich Michael Scheffler abschließend aus. „Wir wollen ein Sprachrohr sein für alle Menschen, die in Armut leben.“

Weitere Nachrichten

Meldung vom 13.07.2020
„lokal willkommen“, das Dortmunder Integrationsnetzwerk, ist genauso angekommen in der Stadt wie viele der Menschen, die die Teams in den sechs Stadtbezirksbüros betreuen. Von deren Arbeit ließ sich die AWO-Vorsitzende Anja Butschkau bei einem Besuch am Hörder Standort jetzt erzählen. Grund für den Besuch und die Wahl des Büro-Standortes war der Einsatz in Sachen Maskennähen für die Arbeiterwohlfahrt. weiterlesen
Meldung vom 09.07.2020
Nachilfe in den Ferien wünscht sich kein*e Jugendliche*r. Doch wenn die Fächer Lust und Liebe, Sex und Verhütung auf dem Stundenplan stehen, sieht das anders aus. Das wissen auch die Fachleute im Dortmunder Arbeitskreis Sexuelle Bildung und laden für den kommenden Dienstag, 14. Juli, sowohl an die Reinoldikirche wie in den Westpark an ihre Aktions- und Informationsstände ein.weiterlesen
Meldung vom 08.07.2020
Im Herbst 2020 startet die AWO Beratungsstelle für Schwangerschaftskonflikte, Familienplanung, Paar- und Lebensberatung als neues Angebot ein Kommunikationstraining für Paare. weiterlesen
Meldung vom 03.07.2020
Anlässlich der Verabschiedung des Grundrentengesetzes durch den Deutschen Bundestag erklärt der AWO Vorstandsvorsitzende Wolfgang Stadler:weiterlesen
Meldung vom 01.07.2020
ab 01.01.2022 sollen Familienleistungen bundesweit auch digital beantragt werden können. Anträge auf Kindergeld, Elterngeld, Kinderzuschlag und Namensbestimmungen können so vereinfacht und mit einem deutlich geringeren Zeitaufwand für Eltern erledigt werden. Das Gesetz entlastet Eltern von zahlreichen Nachweispflichten – erforderliche Daten tauschen zuständige Stellen mit Einwilligung der Eltern stattdessen untereinander aus.weiterlesen
Meldung vom 29.06.2020
Die Integrationsagentur der AWO Unterbezirk Dortmund lädt ein zur Teilnahme an einem Online-Seminar zum Thema „Umgang mit Parolen in und außerhalb des Netzes“.weiterlesen
Meldung vom 26.06.2020
Pressemitteilung des AWO Bundesverbandes e.V. Berlin,23.6.2020. Anlässlich der Veröffentlichung der Ergebnisse eines Gutachtens zur Regelsatzneuermittlung im Auftrag von Bündnis 90/Die Grünen kommentiert Wolfgang Stadler, Vorstandsvorsitzender des AWO Bundesverbandes:weiterlesen
Meldung vom 25.06.2020
Die Begegnungsstätten in Dortmund stehen vor der schrittweisen Öffnung ab dem 01.07.2020: Das zumindest ist das Signal der Stadt und die Ehren- und Hauptamtlichen der AWO-Begegnungsstätten bereiten sich vor.weiterlesen
Meldung vom 23.06.2020
am 24. Juni 2020 veranstaltet die Friedrich Ebert Stiftung von 17 - 18:30 Uhr einen Webtalk zum Thema "Werden Ein-Elter-Familien in Corona-Zeiten nicht allein gelassen? weiterlesen
Meldung vom 19.06.2020
Berlin. Mit erheblichem politischem Druck wird aktuell auf eine schnelle Öffnung hin zum Regelbetrieb in der Kindertageseinrichtungen und der Kindertagespflege in verschiedenen Bundesländern hingewirkt. Damit soll Eltern die Umsetzung des uneingeschränkten Rechtsanspruchs auf Förderung ihrer Kinder ermöglicht werden. Die AWO begrüßt es sehr, dass damit für alle Kinder wieder Teilhabe an frühkindlicher Bildung, Erziehung und Betreuung geschaffen wird.weiterlesen